Jiddische Fotografie

Bilder des Fotografen Roman Vishniac wollen in unserem Programm die Welt des Stetl sichtbar machen.

Vishniac wurde 1897 in der Nähe von Petersburg geboren. In Moskau und Berlin studierte er Biologie, Zoologie, Medizin und Kunstgeschichte und erhielt mehrere wissenschaftliche Auszeichnungen. Er ist der Begründer der Mikrophotographie in der Biologie.

In den Jahren von 1935 bis 1939 reiste er viele tausend Kilometer durch Polen, Ungarn, Weißrußland, die Slowakei und die baltischen Länder. Er verkleidete sich als Tuchhändler, denn die Juden hielten sich sehr streng an das Gebot “Du sollst dir kein Bildnis machen” und hätten ihm die Fotos nicht erlaubt. Mit seiner versteckten Kamera hielt er den Alltag, das Leben im Stetl fest. So entwickelte er seine Filme oft nur bei Sternenlicht und wässerte sie in Flüssen. Elfmal wurde er ins Gefängnis gesperrt, weil die Polizei ihn für einen feindlichen Spion hielt. Doch trotz aller widrigen Umstände ahnte Vishniac, daß diese Welt dem Untergang nahe ist und so zeigt er mit seinen eindringlichen Schwarzweiß-Fotos das Leben der Juden, ehe es der Vernichtung anheimfiel. Jedes Bild erzählt eine eigene Geschichte: die Talmudschüler in ihre Studien versunken, Kellerzimmer, die mehreren Familien Obdach bieten, Kinder beim Murmelspiel, eine alte Backwarenhändlerin  mit verschrumpeltem Gesicht oder ein Lastenträger mit schwerer Bürde.

                                                         

1947 erschienen die Bilder zum ersten Mal gedruckt in den USA, 1983 dann in Deutschland. Elie Wiesel schreibt in seinem Vorwort zum Buch: “Die alten Juden auf Deinen Bildern mit ihren traurigen, traumverlorenen Gesichtern: Ich kannte sie gut. Deine jüdischen Kinder, so voller Hoffnung und Unschuld, die Köpfe unter dem wachsamen Auge des Lehrers über das Buch der Bücher gebeugt: Ich saß mit ihnen auf der Schulbank. Als der Tod schon die Hand auf sie legte, hast du sie vor dem Vergessen bewahrt.”

                                                            

Roman Vishniac lebte nach dem zweiten Weltkrieg in New York, wo er 1990 starb. Er und Elli Wiesel waren beide Zeugen des Holocaust. Sie haben den Lesern mit diesem Bildband ihre Erinnerung an eine untergegangene Welt anvertraut, eine Welt, die nicht mehr ist, die es aber um so dringlicher vor dem Vergessen zu retten gilt.

Roman Vishniac: Wo Menschen und Bücher lebten
München, 1993, Kindler Verlag, 160 S.,

Advertisements